Wilst du lieber recht haben oder glücklich sein

Gewaltfrei Glücklich

Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg - Seminare in Berlin und Brandenburg


Was einem echten Miteinander im Wege steht – und wie wir es dennoch erschaffen können

von Teresa Heidegger

Was heißt Dominanzkultur?

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich viel darauf zugute hält, demokratisch zu sein und die offene Ausübung von Gewalt und Herrschaft überwunden zu haben. Mehr oder weniger subtile Dominanzverhältnisse finden sich jedoch nach wie vor in nahezu allen Formen menschlicher Beziehungen: Zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, unter Partnern, Freunden, Kollegen, im Verhältnis von Chefs zu ihren Angestellten und so weiter. Der Nährboden dieser Dominanzverhältnisse ist die Vorstellung eines allgemeingültig richtigen beziehungsweise falschen Verhaltens. Dieses wird vermittelt durch bestimmte Werte, über die sich eine Gruppe von Menschen einig ist. Aus diesen Überzeugungen leiten wir in der Regel die Legitimation ab, andere, die sich „falsch“ verhalten, zu reglementieren und sie auf den „rechten Weg“ zurückzuführen. Sei es, dass wir unsere Kinder bestrafen, „weil sie schon wieder zu faul waren, ihr Zimmer aufzuräumen“, unseren Freund, wenn er „sich nicht genügend um uns kümmert“, oder die Partnerin, wenn sie „zu besitzergreifend ist“. Kriminelle sperren wir ein, weil sie sich betrügerisch oder brutal verhalten haben. Das Repertoire von Diagnosen und Sanktionen gegenüber unseren Mitmenschen, die sich nicht unseren Vorstellungen entsprechend verhalten, ist schier unerschöpflich. Ebenso steht uns eine Fülle von Bestrafungsmöglichkeiten zur Verfügung. Während früher die klare Form der körperlichen Bestrafung sowohl in der Erziehung wie auch im Umgang mit GesetzesbrecherInnen propagiert wurde, gebrauchen wir heute eher subtilere Formen der Reglementierung. Uns stehen vier grundsätzliche Typen von Erziehungshilfen zur Verfügung, mit denen wir andere Menschen zwingen, sich unseren Vorstellungen gemäß zu verhalten: Scham, Schuld, Bestrafung und Belohnung.

Im ganz normalen Leben drücken sich diese Grundtypen der Verhaltensmanipulation beispielsweise so aus: Wie kann man nur so faul sein? (Scham) Oder: Wegen Dir habe ich drei Tage lang kein Auge zugetan! (Schuld) Oder: Daniel ist der beste Schüler des Jahrgangs – ich bin stolz auf ihn! (Lob, eine Form der Belohnung, die auf sehr feinsinnige Art immer schon die Drohung enthält: Wenn du dich anders verhältst, ist es aber aus mit der Wertschätzung!) Und, ebenfalls sehr beliebt: Wenn du dich nicht änderst, trenne ich mich von Dir! (Strafe) 

Bei Konflikten in Dominanzverhältnissen geht es also fast immer um die Fragen, was mit dem anderen nicht stimmt (bzw. wie er sein soll), wer von beiden Recht hat und wer den subtilen oder offenen Kampf gewinnt. Eine solche Haltung lässt im Grunde nur drei Reaktionsmöglichkeiten zu: Rebellion, Unterwerfung oder Rückzug (Kontaktabbruch).

Bei einer Orientierung an einem von außen gesetzten Urteil über richtiges und falsches (oder gutes und böses) Verhalten bleibt fast immer die Frage auf der Strecke, die für ein wirklich menschliches Miteinander entscheidend wäre: was ich selbst oder andere tatsächlich fühlen und brauchen.

In der Dominanzkultur richte ich also mein Handeln nicht danach aus, ob es meinem eigenen Bedürfnis oder den wirklichen Bedürfnissen anderer entspricht, sondern konzentriere mich darauf, ob es von einer Autorität für gut befunden wird. Solche Autoritäten können die Eltern oder Lehrer sein, Freunde, die Partnerin, der Chef, ein Guru - je nachdem, wen ich in meinem Leben anerkenne. Besonderes Unheil können auch abstrakte Autoritäten wie Ideologien und Religionen anrichten und verinnerlichte Autoritäten, in denen sich die äußeren gleichsam sedimentiert haben ­– schon Freud erkannte das aus dem Ruder gelaufene Über-Ich als eine Hauptquelle der Selbstentfremdung. 

Eine Kultur der Partnerschaftlichkeit

Was würde es demgegenüber bedeuten, in ein partnerschaftliches Miteinander einzutreten? In eine Kultur, in der nicht länger subtile Herrschaftsverhältnisse das Leben prägen, sondern Verstehen und Kooperation? Wo Empathie an die Stelle moralischer Urteile tritt? Wo eine fragende statt einer immer schon Bescheid wissenden Haltung Einzug hält, gepaart mit der Fähigkeit, sich jenseits von „richtig“ und „falsch“ in eigene und fremde Gefühls- und Bedürfniswelten hineinzuversetzen? Hierzu lohnt es sich, Marshall Rosenbergs Ansatz der gewaltfreien Kommunikation zu studieren. 

Gewaltfreie Kommunikation beginnt, wenn ich mich gegen die Nutzung der gesellschaftlich etablierten „Erziehungsmittel“ von Schuld, Scham, Lob und Strafe entscheide und beginne, die Anliegen aller Beteiligten gleichermaßen wertzuschätzen und einzubeziehen.

Dieser Haltung liegt ein zutiefst positives Menschenbild zugrunde:

  • Menschen handeln immer für sich und nicht gegen andere.
  • Alles was Menschen tun, ist der (mehr oder weniger gelungene) Versuch, sich die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.
  • Menschen sind von Natur aus einfühlsame Wesen und haben die tiefe Sehnsucht zum Leben beizutragen.

Als ich diese Aussagen zum ersten Mal hörte, fand ich sie zunächst dezent weltfremd, veraltet und nahezu kitschig. Insgeheim dachte ich: „Ja, ja, wir haben uns alle lieb und wollen nur das Beste – Roussau lässt grüßen…“. Ich war damals überzeugt, dass bei manchen Menschen einfach Hopfen und Malz verloren sei, dass es bei ihnen so etwas wie einen von Natur aus einfühlsamen Kern schlicht und einfach nicht gebe.

Doch nun beschäftige ich mich seit vier Jahren intensiv mit diesen skandalösen Aussagen und stelle fest, dass sie bislang immer zugetroffen haben ­- zumindest immer dann, wenn ich mir die Mühe mache, wirklich in die Mokkasins des jeweiligen „Arschlochs“ zu schlüpfen und die Welt aus seinen Augen zu betrachten. Von dort aus erkenne ich jedes Mal, dass es zwar Menschen gibt, mit deren Handlungen ich ganz und gar nicht einverstanden bin, dass ihr Handeln aus ihrer Warte betrachtet jedoch völlig sinnhaft und in der Tat ausnahmslos darauf angelegt ist, ein bestimmtes Bedürfnis zu erfüllen. Sie haben immer einen guten Grund, sich genau so und nicht anders zu verhalten. Und ich entdecke, dass ich aufhöre zu (ver-)urteilen, wenn ich den anderen auf diese Weise verstehe. 

Meine Welt, die noch vor fünf Jahren zu etwa 95 Prozent aus Dumpfbacken, Verbrechern, Kapitalisten und anderen ‚dümmlichen Idioten’ bestand, ist auf diese Weise um vieles bunter und wärmer geworden. Das war und ist für mich der wesentliche Punkt, warum ich diesen Ansatz in die Welt bringen möchte: weil es unseren Herzen so gut tut, nicht mehr in grimmiger Strenge und verurteilend auf andere Menschen zu blicken. Eine Folge davon ist, dass wir auch liebevoller mit uns selbst sein können.

Hinter jedem Handeln liegt ein guter Grund 

Rosenbergs Hauptthese ist von irritierender Einfachheit – und steht zugleich in eklatantem Widerspruch zu der Art, wie wir es gewohnt sind, die Menschen zu betrachten:

Alles, was wir tun, ist der (mehr oder weniger gelungene) Versuch, unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Tragik liegt nur darin, dass wir zum Großteil gar nicht wissen, was unser Bedürfnis ist, geschweige denn, wie wir es uns erfüllen könnten. Wir lernen in der Regel nicht wahrzunehmen, was wir brauchen, sondern wie wir uns verhalten sollen, damit wir geliebt werden und Erfolg haben. Wenn es uns nicht gut geht, analysieren wir (blitzschnell), wer oder was Schuld hat an unserer Misere – und leiten daraus ein Recht auf unsere Wut und unseren Zorn ab. Dass wir aber im Grunde traurig, verzweifelt, ängstlich oder unsicher sind, weil wir uns Wahrnehmung, Nähe, Unterstützung oder Kontakt wünschen, das fühlen wir im Normalfallnicht. So haben wir weder eine empathische Verbindung zu uns selbst noch zu unseren Mitmenschen ­- und bekommen zu allem Überfluss noch nicht einmal, was wir uns so sehnlich wünschen.

Ich habe Rosenbergs Weltanschauung erst mit Hilfe meiner Mutter verstanden. Viel Jahre habe ich – wie wohl viele Töchter – leiden-schaftlich mit ihr gestritten, wobei wir uns in der Regel wechselseitig vorwarfen, wie unmöglich sich die jeweils andere benimmt. Nach einem erneuten verbalen Ringkampf habe ich dann einmal versucht, mich empathisch in die Welt meiner Mutter hineinzuversetzen, also mit meinem Herzen zu verstehen, was sie fühlt und braucht, anstatt zu diagnostizieren, was mit ihr nicht stimmt.

Und da wurde mir doch allerhand klar. Beispielsweise, dass sich hinter ihrer von mir attestierten ,Unausstehlichkeit’ und ‚Hartherzigkeit’, ihrer Schimpferei und Kritiksucht schlicht ein Mensch befindet, der traurig und hilflos, zuweilen auch verzweifelt ist; der sich Anerkennung für sein Muttersein wünscht und im Grunde nach Kontakt und Verbindung mit mir sehnt. Ich konnte plötzlich sehen, dass dies die eigentlichen Bedürfnisse meiner Mutter sind, wenn sie mir vorwirft, dass ich mich „egoistisch“ und „selbstsüchtig“ benähme. Rosenberg würde diese Vorwürfe als tragischen Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse bezeichnen. „Tragisch“ deshalb, weil die Art und Weise, wie sie vorgebracht werden, mit Sicherheit nicht zum Ziel führt – im Gegenteil: Meine Lust, meiner Mutter Wertschätzung und Anerkennung entgegenzubringen tendiert gegen Null, wenn sie mir mit solchen Vorhaltungen begegnet.

Meine Mutter hat also einen wahrlich unangenehmen und dabei höchst ineffektiven Weg gewählt, ihre Sehnsüchte zu äußern. Unmöglich und idiotisch. Ungefähr so unmöglich und idiotisch wie meine übliche Reaktion, ihr jedes Mal einen gepfefferten, ebenso verletzten wie verletzenden Konter zu servieren. Ich fragte mich dann, was denn wiederum ich mir von meiner Mutter wünschen würde ­– und kam auf ganz ähnliche Bedürfnisse wie bei ihr: Wertschätzung, Unterstützung, Anerkennung und die Sicherheit, dass es in Ordnung ist, wie ich bin. Ich wünsche mir zudem, dass sie sehen könnte, welchen Schmerz ich in mir trage, welche Trauer, dass wir das einfach nicht hinbekommen mit unserer Liebe.  Dass ich diese Gefühle oft nicht fühlen möchte und mich lieber eiskalt verachtend gebärde, weil das weniger schmerzt, als so etwas zu spüren …

Ich kann mich noch genau erinnern, dass dieses Erlebnis mit meiner Mutter mir den letzten Anstoß gab, mich eingehender mit der gewaltfreien Kommunikation zu befassen. Weil es mir klar gemacht hat, dass Empathie nicht bedeutet, meine Position aufzugeben, sondern dass sie mir vielmehr hilft, zu verstehen, was denn meine Position überhaupt ist – jenseits eines blind-verletzten Um-mich-Schlagens und Reagierens. Meine Mutter ist seither meine liebste Übungspartnerin, um Rosenbergs Ansatz in all seinen Facetten und Herausforderungen zu erlernen. 

Berührung statt Moral

Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, seit ich mich aufgemacht habe, die Räume jenseits von „richtig und falsch“ zu erforschen, ist: Wie können wir andere mit unseren Werten – mit dem, was uns wichtig ist –  begeistern, anstatt diese Ideen uns selbst oder anderen als moralische Keule über den Schädel zu donnern? Wie können wir uns gegenseitig berühren und verführen, statt uns unter Druck zu setzen? Es wäre ja nicht viel gewonnen, wenn ich die Leser dieses Textes mit meinem Wert des partnerschaftlichen Umgangs in eine neue Runde des moralischen Terrors führe und ihnen subtil klarmache, dass sie schlechtere Menschen sind, sollten sie meine Vorstellungen nicht teilen. Ich glaube aus vollem Herzen, dass unsere Welt schöner, friedlicher, fröhlicher wäre, wenn wir partnerschaftlich und empathisch miteinander lebten. Doch sobald ich überzeugtbin, damit die Wahrheit gefunden zu habenund alle, die anderer Meinung sind, stünden auf der falschen Seite und seien meine GegnerInnen, stecke ich tief im Sumpf der Moral. Ich bin dann nicht mehr mit dem verbunden, um das es mir doch geht: Menschen zu ermöglichen, sich mitfühlender und liebevoller zu begegnen. Berührung statt Zwang! – nicht nur, weil ich Berührung für wertvoller (also meinen persönlichen Werten entsprechend) halte, sondern auch, weil Zwang schlicht nicht zum Ziel führt. Zumindest dann nicht, wenn wir mit der gewaltfreien Kommunikation keine neue Variante von nice dead people (Rosenberg) schaffen wollen – also Menschen, die sich konform verhalten, aber nicht wissen, was sie selbst fühlen und brauchen. Wenn uns tatsächlich daran gelegen ist, dass die Erde sich mit immer mehr freien und selbstverantwortlichen Menschen bevölkert, ist es hilfreich, wenn wir aufpassen, unser Anliegen tatsächlich im Geist unseres Anliegens zu vertreten. Für jemanden, der vom Segen einer empathischen Kultur herzlich überzeugt ist, ist das gar nicht so einfach – aber eine höchst erfüllende und jeden Tag ein wenig wacher machende Aufgabe. 


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