Wilst du lieber recht haben oder glücklich sein

Gewaltfrei Glücklich

Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg - Seminare in Berlin und Brandenburg


Für eine empathische Kultur der Partnerschaft mit unseren Kindern

Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort – dort treffen wir uns (Rumi)

Wer dieser Tage für ein „partnerschaftliches“ Verhältnis mit Kindern eintritt, wird vom Zeitgeist nicht gerade mit Beifallsorkanen gefeiert. Im Gegenteil. Der allgemeine pädagogische Trend empfiehlt die Rückkehr zu mehr oder weniger rigorosen Varianten neuer Eltern-Autorität und warnt vor der Aufzucht ebenso halt- wie rücksichtsloser Terror-Kids. Zahllose verzweifelte Eltern suchen daraufhin ihr Heil in neuen Regel- und Disziplinsystemen – und versuchen, sich nicht mehr vom Nachwuchs auf der Nase herumtanzen zu lassen, sondern endlich „durchzugreifen“. In der Praxis sind wir dagegen ebenso oft mit Eltern konfrontiert, die sich so lange in einem halbgaren Laissez-Faire verirren, bis ihnen der Geduldsfaden reißt und sie dann doch anfangen, mit einem steinzeitlichen Brüllanfall das Aufräumen des Zimmers binnen einer halben Stunde zu fordern (oder sie landen im Mütter-Väter-Genesungswerk.)

Die grundsätzlich andere Möglichkeit könnte darin bestehen, sich von den traditionellen Erziehungsmitteln von Schuld, Scham, Lob, Belohnung und Strafe abzuwenden – denn sie alle beruhen auf Angst und erzeugen Angst. Stattdessen wenden wir uns auf empathische Weise all den Gefühlen und Bedürfnissen zu, die im Zusammenleben auftauchen. Und zwar bei den Kindern und bei den Eltern. Wir fragen also: Was fühlst du? Was brauchst du? Was fühle ich? Was brauche ich?

Wenn wir so unsere Blickrichtung verändern, kann eine ungeheure Erleichterung eintreten. Plötzlich sind wir in der Lage, unsere Kinder als gleichrangig zu betrachten, ohne sie zu „kleinen Erwachsenen“ zu machen und dadurch heillos zu überfordern. Denn Gefühle und Wünsche haben wir alle – aber nicht alle die gleichen. Wir stellen die Kinder nicht über uns und nicht unter uns. Wir erkennen sie in ihrem Gleichsein als Mensch und in ihrem Anderssein als Kind.

Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass wir Erwachsenen zum Großteil gar nicht gelernt haben wahrzunehmen, was unsere Gefühle und Bedürfnisse sind - geschweige denn, wie wir mit ihnen umgehen und sie erfüllen könnten. Wir haben in der Regel nicht gelernt wahrzunehmen, was wir brauchen, sondern wie wir uns verhalten sollen, damit wir geliebt werden und Erfolg haben.

Marshall Rosenberg, der „Erfinder“ der Gewaltfreien Kommunikation, umschreibt die Möglichkeit einer echten Co-Evolution mit unseren Kindern in der bemerkenswerten Aufforderung: „Stell Dir vor, dein Kind sei Gandhi“. Er will damit zum Ausdruck bringen, dass es darum geht, unsere Kinder rückhaltlos ernst zu nehmen als Gegenüber. Und sie zugleich als einen Spiegel unserer eigenen Schattenseiten zu betrachten, der uns zeigt, welche eigenen Gefühle und Bedürfnisse wir verleugnen oder nicht erfüllen.

Wenn ich in dieser Haltung einem Kind gegenübertrete, das mich anschreit „Du bist die gemeinste Mutter auf diesem Planeten“ werde ich nicht einfach nur brüllen „hör auf so frech zu sein“ oder scheinbar konziliant fragen: „warum bist du denn schon wieder so aggressiv?“. Ich würde auch nicht „cool“ darüber hinweggehen und so tun, als würde mich diese Aussage nicht schmerzen. Nein, ich würde das Kind ernst nehmen, indem ich sähe, dass da ein Bedürfnis in ihm laut schreit – vielleicht das Bedürfnis wahrgenommen zu werden oder auch danach, selber zu bestimmen, wann es aufhören möchte zu spielen. Empathie in diesem Sinn bedeutet nicht, dass ich zu allem, was der andere will, ja sage – es heißt lediglich, dass ich mich in die Gefühle und Bedürfnisse meines Gegenübers hineinversetze und ihm vermittle: Ich sehe dich in deinen Gefühlen und Bedürfnissen und stelle meine Bedürfnisse nicht automatisch über deine, ebenso wenig wie ich meine unter deine stelle.

Empathie verfolgt das Ziel, sich wirklich zu verstehen und sich miteinander zu verbinden – statt sich auf feinsinnige Weise zu beherrschen. Wenn dieses Verstehen geschieht, entsteht in der Regel automatisch auf beiden Seiten eine Kooperationsbereitschaft. Doch Vorsicht! Empathie ist kein Trick – „jetzt tue ich mal so, als ob ich dich ernst nehme, damit wir auf empathische Weise zu dem kommen, was ich mir von vornherein vorgestellt habe“! Vielmehr bedeutet Empathie, dass ich von meinen Vorstellungen, was richtig oder falsch ist (und wer Schuld hat und wer nicht), ablasse und mich aufmache für eine Lösung, welche die Bedürfnisse aller Beteiligten im Blick hat. Was geschieht, wenn wir aufhören zu wissen und beginnen zu fragen – auch und gerade im Verhältnis zu unseren Kindern? Wir würden die Behauptung wagen, dass auf diese Weise keine kleinen Tyrannen erschaffen werden, sondern Wesen heranwachsen, die mitfühlend für ihr Gegenüber sein können, weil sie es selbst erfahren haben.

Teresa Heidegger und Marcus v. Schmude
www.experiment-empathie.de

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